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Kurzportrait des vormaligen Lehrstuhls Prof. Schenk
(bis Ende WS 2001/02)
Den nachfolgenden Text
(bis zu der Fotostrecke) hatte ich ursprünglich eingereicht als Manuskript für eine 2000 geplante,
aber nie erschienene "Fachbereichsbroschüre
2001"; dann erwartet für eine angekündigte "Fakultätsbroschüre 2002",
die auch wegreformiert wurde. Auf der im Juni 2002
als "3. Aufl." auftauchenden
Fakultätshomepage brauchte das Manuskript nach
Beginn meiner Pensionierung und Auflösung des
Lehrstuhls selbstverständlich nicht mehr
veröffentlicht zu werden...
Für
Examenskandidaten habe ich einige Psycho-Tipps
zusammengestellt. Rechtzeitig vor Beginn einer
Examensarbeit gelesen und beherzigt, helfen sie
beim Studienabschluss einen Unfall zu
vermeiden...
Wer als Lehrende(r)
oder Lernende(r) an meiner Satire
über Probleme und Problemlösungen der Campus-Sozialisation interessiert ist,
klicke und genieße die sich hoffentlich
öffnende pdf-Datei! Ähnlichkeiten mit dem
Lehrbetrieb an meiner alten Uni sind rein
zufällig.
Sonstige Veranstaltungen:
Vortrag beim FRUCHTHANDELSTREFFEN 2001 am 20.09.2001 in der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg
Exkursion zur EDEKA RHEIN-RUHR, Moers, am 1. Februar 2002 (mit Herrn GF Neuhaus, M, und Herrn Schwemin, r)
Verabschiedung am 6. Februar 2002 in der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer zu Duisburg Übergabe des
Förderpreises 2002 der Wolfgang-Wirichs-Stiftung an
Frau Dipl.-Kff. Iris Müller, Nürnberg,
Nach
der letzten Amtshandlung am 4. Juni 2003
Anlässlich der Verleihung der Förderpreise Handel 2004 der Wolfgang Wirichs Stiftung am 19.01.2006 in Krefeld mit den Preisträgern Prof. Dr. Jürgen Dröge, Rektor der Europäischen Fachhochschule Brühl, und Dipl.-Kfm. Rolf Spannagel, GF des FfH-Instituts für Markt- und Wirtschaftsforschung Berlin.
Anlässlich der Tagung des
Kuratoriums der Wolfgang Wirichs Stiftung am 22. Mai 2006 in Issum:
Anlässlich der Übergabe des
Förderpreises Handel 2006 der Wolfgang Wirichs-Stiftung
Psycho-Tipps
zur Examensarbeit
Die Anfertigung einer Examensarbeit ist mit
mancherlei inneren Anspannungen verbunden. Die fertige
Arbeit ist immer die Resultante aus Kandidatenfleiß und
Betreuerleistung. Daher ist es nützlich, rechtzeitig vor ihrer
Bearbeitung Vorfragen
zur Betreuung
zu klären und während der Bearbeitung etwas Psychologie anzuwenden.
Als Krönung des Hochschulstudiums kommt auf jeden
Studierenden eine schriftliche wissenschaftliche Abschlussarbeit zu: die
Examensarbeit. Egal ob es sich
um eine Bachelor-, Master-, Magister-, Diplom- oder Staatsarbeit
handelt – ihre Anfertigung wie ihre Betreuung durch den bewertenden
Hochschullehrer ist mit mancherlei inneren Spannungen (Eustress)
verbunden. Die Professoren, im Normalfall pädagogische Autodidakten,
haben im Laufe der Zeit allmählich gelernt, mit dem Abbau solcher
Spannungen umzugehen. Für den Examenskandidaten bleibt hingegen kaum
Zeit, die nötige Resistenz zu trainieren. Spezielle Lehrveranstaltungen
zum Stressabbau werden in der Regel nicht angeboten. Und die vielen
gedruckten Ratgeber zur Anfertigung von Examensarbeiten bieten hierzu
meist wenig Hilfe. In dieser Situation mag es nützlich sein, den
Examenskandidaten aus langjähriger Betreuungserfahrung ein paar
"Psycho-Tipps" mit auf den Weg zu geben. Mit dem
Spannungsabbau (nicht mit utopischer gänzlicher Spannungsvermeidung!)
kann der Studierende nicht früh genug anfangen.
Lange vor der Bearbeitung
sollten einige Vorfragen
geklärt werden: Geht dem/der künftigen Betreuer/in als Erstgutachter
der Ruf voraus, eine
umfassende, eine mäßige oder gar keine persönliche Betreuung zu
bieten? Sind Erst- und mutmaßlicher Zweitgutachter
"kompatibel"? Bietet der künftige Betreuer ein spezielles Examenskolloquium
mit praktischen Übungen (zu Gliederung, Zitaten und Entlehnungen,
Fußnoten, Literaturverzeichnis, Stil, Textrekonstruktion,
Forschungsdesign, Tabellen und graphischer Gestaltung usw.) an? Gewährt
er oder sie ausreichend Sprechstunden? Stimmt er oder sie das Thema der Examensarbeit mit dem Bearbeiter ab? Gibt er oder sie ein Aufgabenblatt
mit Spezifizierungen zum Thema an die Hand? Macht er oder sie die
Examenskandidaten mit seiner oder ihrer Bewertungsmethode
– möglichst einem objektiv-gerechten, standardisierten
Bewertungsschema – vertraut? Für seinen Betreuer sollte sich jeder
Examenskandidat erst entscheiden, wenn er solche Vorfragen positiv für
sich klären konnte. Notfalls ist ein geeigneterer Betreuer zu wählen. Während der
Bearbeitungsphase gerate niemand in Panik, wenn er feststellt, dass
er (a) in zu viel Stoff
ertrinkt oder (b) zu wenig Stoff
findet! In beiden Fällen kann immer noch das
Thema eingeengt werden. Im Fall (a) kann man im einleitenden Teil
darauf hinweisen, dass der Schwerpunkt z.B. wegen der thematischen
Breite oder wegen der Materialfülle auf bestimmte Aspekte gelegt wird.
Im Fall (b) müsste man die Konzentration auf einen oder wenige Aspekte
begründen, z.B. mit unzureichender Materialsituation oder
unbefriedigender Information durch angeschriebene Firmen oder
Institutionen. Oft fällt der Start
der Texterstellung besonders schwer. Man brüte nicht zu lange über
dem einleitenden Teil! Man halte sich bei der Textabfassung auch nicht
unbedingt an die Gliederungsreihenfolge! Es kann ruhig der Abschnitt
3.1.1 oder 4.2 zuerst geschrieben werden, jedenfalls ein Abschnitt,
der einem besonders liegt, für den gute Unterlagen existieren, den man
für besonders wichtig oder leicht hält! Dank Textverarbeitung können
die Dateien ja an beliebiger Stelle und zu jedem beliebigen Zeitpunkt
ergänzt werden. Hat man die ersten zehn Seiten geschrieben, dann setzt
meist die Freude am Schreiben automatisch ein. Manchem fällt die Problembeschreibung
schwer. Man hat sich in die Thematik eingelesen und sieht den Wald vor
lauter Bäumen nicht mehr. Der einfachste Trick: Man erzähle der
Freundin, dem Freund, der Oma oder dem Pastor, worüber man seine
Examensarbeit schreiben will. Dabei entsteht die Problembeschreibung von
selbst. Sie muss nur noch einmal schriftlich festgehalten werden. Während der Materialsuche und auch während der
Schreibarbeiten sollte der Bearbeiter stets ein
Notizbuch mit sich führen und jeden guten Gedanken, jede Quelle und
jede Anregung zum Thema sofort eintragen. So erspart man sich den Ärger
über den vergessenen Geistesblitz, der bei Karstadt oder in der
Straßenbahn kam (aber nicht im Gedächtnis haften blieb). Während der
Schreibarbeiten können innere Widerstände auch durch einen Tagesplan
reduziert werden, müssen es aber nicht. Wer es schafft, einen
tagesgenauen Zeitplan zum Arbeiten aufzustellen und einzuhalten, wird
sich wohler fühlen bei dem Gedanken, „im Plan“ zu liegen. Der
Schreibplan muss nicht täglich die gleiche Arbeitszeit vorsehen. Er
kann bestimmte Verpflichtungen (Vorlesungen, Bibliotheksbesuche usw.)
berücksichtigen. Dummerweise kann bei dieser Methode auch das genaue
Gegenteil eintreten – Unzufriedenheit, gar Panik über das (schon
wieder?) nicht erreichte Tagespensum... Dass eine wissenschaftliche
Arbeit durch thematische Vollständigkeit, Klarheit, Logik,
Sachlichkeit und Verständlichkeit geprägt sein muss, versteht sich von
selbst. Gleichwohl gibt es reichlich Tricks, die Spannungen des
Betreuers und Korrektors abzubauen. Man denke nur an so bescheidene
Wohltaten (für den Betreuer) wie das erste und/oder letzte Zitat
aus einer seiner Veröffentlichungen. Wenn er oder sie über termini technici hinaus eine Vorliebe bzw. ein Faible für Fremdsprachliches
hat, dann findet man im Fremdwörter-Duden genug imponierende Begriffe.
Wetten, dass der/die Dozent/in staunen wird, wenn er oder sie Begriffen
wie Adiaphora (Gleichgültiges), Etalage (Ladenaufbau), Indagation
(Aufspürung, Untersuchung), Semasiologie (Wortbedeutungslehre) oder
Zelerität (Geschwindigkeit) begegnet?! Bewährt haben sich grundsätzlich auch folgende Psychotricks,
um den Beurteiler einer Examensarbeit milde zu stimmen:
·
Originalität
der Darstellung;
·
Prägnanz
(Präzision und Kürze);
·
Anschaulichkeit
und
·
literarische
oder empirische Neuheiten.
In formaler Hinsicht bietet
der PC grandiose Gestaltungsmöglichkeiten, z.B. für Hervorhebungen (Wechsel von Schriftart und -größe, Umrandungen,
Farbe usw.). Eine leicht lesbare serifenfreie Schrift in 12p oder 14p
sollte den Vorzug vor kleineren Schriften erhalten. Zu große Schriften
und Zeilenabstände erwecken den Eindruck des Seitenschindens. Nicht
nachgewiesene Texte aus dem Internet zählen selbstverständlich nicht
zur Organisationspsychologie. Sie stellen Plagiate
dar und sind absolut verboten!
Fotos, Graphiken, Tabellen, Anhang-Material, Umschlag und Layout – das
alles bietet genug Raum für schöpferische Gestaltung. Als Psycho-Tipp
ist allenfalls eine Warnung zu beherzigen: keine
Übertreibung! Wenn es die Formvorschriften des Prüfungsamts für
das Titelblatt der Examensarbeit erlauben, kann ein besonders „zügiger“
Student hier auch seine Semesterzahl angeben – ein kleines
Fleißsignal für den Korrektor. Vor Fertigstellung der
Reinschrift sollte
der Bearbeiter sein Rohmanuskript einem des Deutschen mächtigen
lieben Menschen einmal mit der Bitte um Stilkritik, Angabe von
Verständnisschwierigkeiten sowie Überprüfung von Rechtschreibung und
Zeichensetzung zum Gegenlesen an die Hand geben. Das daraufhin
korrigierte Opus kann er oder sie am Ende viel entspannter einreichen,
und dem Korrektor erspart er oder sie auch unvorteilhafte Spannungen.
Vor Fertigstellung der Endfassung bieten sich noch zwei Tricks an: der
bewusste Einbau von Kurzsätzen und eine interessante
Formulierung von Anfang und Ende des Textes. Etwa jeder fünfte Satz
sollte extrem kurz sein. Auch können ausgesprochene Bandwurmsätze in
mehrere kürzere Sätze (selbstverständlich nicht bei Zitaten)
"zerhackt" werden! Wird die Lektüre flott und flüssig,
müsste sich das auch in einer dankbaren Bewertung widerspiegeln.
Schließlich wohnt bei Examensarbeiten nicht nur jedem Anfang ein Zauber
inne, sondern auch jedem Schluss. Der letzte Eindruck kann sogar
entscheidend sein. Im Übrigen sollte der Bearbeiter immer von dem realistischen
Bewusstsein geleitet sein, dass es Hochs und Tiefs gibt. Es erwarten
ihn oder sie viel Arbeit, gute und schlechte Tage, manchmal auch
schlaflose Nächte. Wer auf Rückschläge und Enttäuschungen
eingestellt ist, kommt damit besser zurecht als der allzu Sorglose, der
bei einer Panne in Panik gerät. Wer jedoch glaubt, innere Anspannungen
besser mit Medikamenten oder unter Anleitung von Psychotherapeuten
bewältigen zu können, bedenke, dass die erhofften Wohltaten womöglich
erst nach der Dreimonatsfrist für die Bearbeitung eintreten... Zum
realistischen Bewusstsein gehört – last but not least – die
Einsicht, dass eine vorzügliche Examensarbeit nie allein auf
Psychotricks beruht. Sie ist immer die Resultante aus Fleiß des
Bearbeiters und umfassender Betreuung. Immerhin hilft ein
bisschen Psychologie zumeist, den Betreuer auf wohlwollende Beurteilung
einzustimmen.
Näheres zu den wissenschaftlichen und
fachpraktischen Methoden der Anfertigung und Betreuung von Examensarbeiten
in Hans-Otto Schenk: Die Examensarbeit. Ein Leitfaden für
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, UTB 2657, 216 S., Göttingen
2005.
© Hans-Otto Schenk
Ansprache anlässlich der
333-Jahr-Feier der Universität Duisburg am 28.10.1988
11. Szene
Titel: De progressu
universitatis Duisburgiensis
oder
333 Jahre Fortschritt
Text:
Hans-Otto Schenk
Magnifizenz et Spectabiles!
Doctores! Studiosi! Bürger der Stadt und der Welt
und unserer alma mater splendida Duisburgiensis und
alle, die unter ihr leiden! Kanzler und Kandidaten für eine
bessre Laufbahnbesoldung! Angestellte und Arbeiter des
Kopfs sowie auch der Hände, Sachwalter personell-sächlicher
Mittel des Haushalts! Boten und Fahrer und ebenso all
ihr Reinmachefrauen, die ihr den Überblick habt über
alles, was hier wird bescheuert! Denker und Dichter in all unseren
elf Fachbereichen, Formularüberdruckhersteller der
Sachgebietsfülle! Wohnraumverweser und auch ihr
rührenden Menschen der Mensa! Jusos und RCDS, vom MSB-Spartakus
alle Agenten! Nicht zu vergessen die lieben
Kollegen!
Seid mir gegrüßt zum
dreihundertdreiunddreißigsten Fest heut, das wir begehen zusammen im
Gauditorium maximum mit allem ira et studio, so sehr
es sich ziemet! Schenkt euer Ohr, das geneigte,
mir und öffnet es willig. So will ich denn voller Weisheit
es wagen, wägende Worte teils zur Belehrung und teilweis
zur Hülf und privatissime Euch auf den Marsch durch gar
viele Hochschulinstanzen gern mitzugeben; denn allemal
doch kann der Nutzen ziehen, der sich mit Eifer wohl öffnet
ganz meiner Entdeckung.
So red’ ich denn von des
Fortschritts Gewalt, die nirgends so deutlich zeigt sich wie gerade an unserer
Schule des Geistes, der Hohen. Fortschritt und Höherentwicklung
von Mensch und Maschine - nirgendwo sonst auf dem Erdenrund
vergleichbar im Glanze sind sie erkennbar dem Aug', dem
prüfenden Blicke. Nirgendwo schreitet so fort und
fort der stetige Fortschritt wie an der Uni zu Duisburg, der
Stolzen, in all ihren Jahren. Nicht läßt an Fortschritt sich
hic et nunc alles beschreiben. Aber exempla diversa - ja, sie
genügen fürs erste. Alles an Fortschritt begann
damals am vierzehnten Tag des Oktobers
sechzehnhundertundfünfundfünfzig, als unter Tuba- und Flötenklang
Herr Clauberg Johannes, Solinger Blut, auf die heilige
Schrift vereidigt wurde erstmals zum Rector magnificus
der ersten Duisburger Uni von seiner Durchlaucht dem
Kurfürst von Brandenburg Wilhelm. Kann einer wohl übersehen im
Ernste den Fortschritt bis heute? Heut wird gewählet als Demokrat
von eignen Organen, wer um das Rektoramt frei sich
bewirbt. Und der ist hinfort nicht einer Durchlaucht ganz
untertan, vielmehr einem Weibe. Auch muß er heut nicht mit
Szepter, Protokollbuch und Schlüsseln schwer sich beladen; denn dafür
steht eine hilfreiche Schar fleißiger Helfer zur Seite,
allen voran ein kerniger Kanzler . Auch muß der Rektor durch
lehmige Gassen nicht länger mehr waten. Er wird im Fünfer BMW bequemlich
chauffieret. (Freilich wohl steckt in dem
alten Gefährte nun seinerseits sicher noch einiges Potential
für weiteren Fortschritt.) Heut muß der Rektor nicht jeden
Studenten per Handschlag begrüßen, auch braucht er nicht mehr zu
leben in Furcht vor studentischen Degen, seine Studenten ziehn friedlich
umher, in Turnschuhen meist; fünfunddreißig Prozent von
ihnen sogar, die kämpfen mit weiblichen Waffen.
Damals beim Einweihungsfest in
der Stadt, da mußten genügen Pauke, Trompete und Burschensang.
Wie ganz anders heute! Ganz nach Belieben kann
Magnifizenz - zum Uni-Ball etwa - eigne Orchester und Big Band und
Combo, im C-Trakt gedrillt, heutzutag aufspielen lassen; ja
sogar setzt ein er mitunter Disco music, elektronischen
Klang, von Computern erzeuget. Wie weit der Fortschritt beim
Uni-Ball schon gediehen, nachdrücklich zeigt es der
Eintrittspreis dem BAFöG- Studenten.
Jedweder Fortschritt hat seinen
Preis, sogar für den Rektor. Hat er nicht selbst uns gelehrt
mit Bedacht die Grenzen des Wachstums? Wäre verharrt nur die
Durchschnittszahl bei zwanzig Studenten jedes Semester sowie auch die
Zahl von nur fünf Gebäuden, hätten nicht Bildungs- und
Bauboom uns hart an schmerzliche Grenzen des Wachstums geführt -
wer weiß, ob nicht manches Opfer des Fortschritts entfallen
wär! Zum Beispiel hat nun keine Gerichtsbarkeit mehr für
sich der Rektor im Hause, keinerlei Karzer steht ihm zur
Verfügung; im Falle des Falles muß, was der Justitiar nicht weiß,
vor ferne Gerichte. Mancher mag solches als
Rückschritt seh'n. Vergeßt aber nicht - solches wird tausendfach
kompensiert, ein Wunder des Geistes, durch das vollkommene principium
der Teilung der Arbeit. Nicht mehr verwaltet nur ein
Pedell die sämtlichen Schlüssel aller Gebäude der Bibliothek und
des Hauses für Samen. Fortschritt durch die Teilung der
Arbeit in winzige Teilchen, häppchenweis Übertragung von
Pflichten und Recht auf Scharen amtlich bestellter Bediensteter
in Mammutverwaltung - so sieht der Duisburger
Fortschritt aus, organigraphisch. Tausend Zerteiler der Arbeit
teilen, was immer nur teilbar; zehn Kommissionen und, höher an
Zahl, Ausschüsse, Sachgebiete; Studienberatung und AVMZ, zentral
ein Zentrum zum Rechnen; Prüfungsausschüsse mancherlei
Art und weiblich das Amt für die Presse. Sonderforschungsbereich und
Mittelbaurat und An-Institute; Fachschaften und auch Senat und
Konvent, ein Fundbüro gar und für den Transfer des
gebündelten Wissens 'ne eigene Stelle. Arbeitsteilig geht jeder der
Pflicht nach und keiner weiß recht mehr, was denn die anderen
neunhundertneunundneunzig Bediensteten tun. Wunderbar wirkt diese Apparatur,
von Schreibautomaten, Endloskopierern und Hausdruckerei
auf Hochtour gebracht. Standardisiert und
durchprogrammiert wird alles, was nur sich eben noch standardisieren läßt.
Es lebe der Fortschritt! Wer jedoch ob solchen
Fortschrittwahns erkrankt an der Seele, dem helfen hurtig hauptamtliche
Kräfte: Diplom -Psychologen.
Harmonisiert ist in Duisburg
schon längst die wechselseitige Ratio des Menschen und der
Maschine. Am Lotharplatz rollen lautlose
Wesen als Roboter rum, von Menschen geschaffen. Andernorts folgen mechanische
Menschen Computerbefehlen. Griechisch, Lateinisch versteht
kaum noch wer. Im Geiste des Fortschritts kürzt
man die Sprache zu kleinsten Kürzeln, nun kompatible. Pflicht ist geworden der
Abkürzungskurs für jedermann heut; denn es fänd niemand zurecht
sich bei uns, der - ohne zu kennen die Abkürzungsgrundlagen ganz und
gar - in Duisburg studierte. "LBS" steht so für
"Lehramt an Schulen, berufsbildenden"; "OK" heißt
"Orientierungskurs" und "S" Seminar nun; "QS" gleich
"Querschnittsseminar", was immer das sein mag; "Krs" gilt als
besonders gelungen, die Kurzform für "Kurs"; rational in Vollendung gekürzt
sind die Namen für alle Gebäude: sinnvoll wird mit "LE"
abgekürzt der AVZ-Hochklotz; "LM" steht nicht für
das, was ihr denkt, es steht nur für "Technische
Versorgungszentrale" am Forsthausweg oben; schlicht wird der
"G-Kern" abgekürzt zu "MG", und leicht ist zu
merken die Bürgerstraß 15, sie heißet
hinfort "SA ", ja was sonst denn. Keiner verzage ob solchen
Fortschritts; denn man kann Beratung spezialisierter Berater zu Hauf
in Anspruch dann nehmen; besser noch folgt man dem Rat
Friedrich Wilhelms, des Ersten, vom Herbste von siebenzehnachtzehn,
als er empfahl jedem Neuling, "alte geübte Studiosos,
gottselig" vor allem zu fragen.
Frühe schon regte sich der
Fortschrittsgeist an unserer Uni, der Ersten: Im Jahre
siebenzehnhundertundzwanzig errichtete nobel der Physikus Petrus van Musschenbroek
ganz hoch auf dem Turm der Salvatorkirche ein observatorium
astronomicum. Sehr bald hat innere Weitsicht
jedoch zum Abbau geführet; zukunftsbewußt hat man alsbald
erkannt, daß hierorts man schwerlich durchblicken würde mit einem
Rohr aus geschliffenem Glase niedere Schichten der
Atmosphäre, die mitgestaltet von Demag und Thyssen und Krupp noch und
Stadt dereinst würden werden.
Was für ein Quantensprung
fortschrittlichen Geists, erinnert man sich doch: Siebenzehnhundertundfünfundzwanzig,
da wurde erworben erstlich die Laterna magica mit
kaum fünfzig Bildern. Heute stehn Bildschirmgeräte in
Massen herum und meistens defekte Overheadprojektoren, und tragbare
Mikros erleichtern die Arbeit. Winters, da mußten sich ehdem
Student und Dozent mit Wollmütze wärmen; heute versorget ein Heizwerk, ein
eignes, die Räume mit Wärme, nur gilt die Sorge des Kanzlers
dabei, per Ukas verbreitet, niemand verschwende mehr Grade
denn neunzehn bei dienstlichen Tun. Sommers, da schwitzte ehdem in
Wams und pluddriger Hose - wenn er nicht gerade im Nachthemd
erschien, den Meister zu foppen - jeder Studiosus recht
fürchterlich. Doch scheint heut die Sonne, dann, ja dann lagern Studenten
sich ins Freie und Grüne, kaum noch beschürzt durch
Textilien und unten und oben fast ohne. Holt sich in derart'ger
Luftigkeit dann einer die Grippe, rasch helfen Salbe und Pillen,
vom Amtsarzt verordnet.
Siebenzehnhundertundachtundsechzig
verpflichtet der König Rektor und Uni zu führen hinfort
die Conduitenliste, also es sollte im Regelmaß ihm
angezeigt werden jedes Ereignis und jede Person
von ruchloser Art gleich. Sowas, dem Fortschritt sei Lob
und Dank, gibt es längst schon nicht mehr. Heute, da führet mit Anstand und
Fleiß ein jeder sich auf und umgekehrt werden die
Tüchtigsten gar besonders prämieret.
Ganz unaufhaltsam prägt
Fortschritt auch die Forschung und Lehre. Leidenfrost, Johannes Gottlob,
der war vor zweihundert Jahren voll konzentriert auf Analysis
heißer Tropfen. Leberecht Plessing,
labil-philosophisch, mit Goethe befreundet, Kant sowie anderen Leuchten des
Geistes, beschränkte sich damals nur auf Beweise der nötigen
Übel sowie auch der Schmerzen sämtlicher Erdengeschöpfe ganz.
Das waren noch Zeiten! Welcher gewaltige Kosmos des
Geistes wird heute gelehret! Nicht mehr beherrschen die
Träumer das Feld. Gelehret wird etwa
"Grundlagen künstlicher Intelligenz", "New Age" und "Hexenverfolgung",
solches in Fachbereich eins bis fünf. Das höhere Wissen steht
allerdings höherem Fachbereich zu - zu nennen sind "Walzen von
Bändern und Blechen" im Fachbereich sieben; "Technologie der
Zementherstellung" im Fachbereich acht und "Ultraschall und das
Hörvermögen von Menschen und Mäusen", dieses im Fachbereich
neun. In zehn gibt es "Nukleare
Festkörperphysik" (theoretischer Art wohl). "Theorie der
Approximation" lernt im elften Fachbereich dann der, der mit Zahlen der Wahrheit
sich nähert, näherungsweise.
Oder bedenkt nur die Anzahl der
Hörer! Der frühere Professor lehrte für vier oder fünf ganze
Hörer, nicht selten zu Haus. Kurz vor der Schließung der
Akademie oder sagen wir besser: kurz vor der
Fortschrittsverzögerung so etwa ums Jahr achtzehnnullsieben da hatte nur
zwei beflissene Hörer Friedrich A. Krummacher, der
Theolog, um sich versammelt. Solcherart eng in Kontakt mit den
Schülern, da schrieb mancher Meister die Doktorarbeit gleich
selbst für dankbare Jünger.
Das alles fegte der Fortschritt
hinweg. Zu heutigen Tagen leidet am Minderzahlenkomplex
schon der, der nicht mindestens fünfhundert
Hörer befriedigt mit rauschender Rede.
Nicht bleibe unerwähnt der
große Progress hygienischer Art auch: Wurde doch ehdem benutzt die
Salvator-Kapelle zum Zwecke des Gottesdienstes wie
zugleich für anatomische Praxis. Manchesmal mischten sich unfeine
Düfte, sommertags meist, unüberriechbar Weihrauch und
Myrrhe bei. Wie ganz anders heute! Heute zieht, anregend Magen und
Geist, ins Audimax hoch lieblicher Duft von
"Hacksteak Bologna", auch Frikadelle genannt.
Fortschritt, progressus, bestimmt
alles Tun und all Unterlassen unseres gesamten
Gesamthochschulwesens noch weit in die Zukunft. Permanent schreitet der
Fortschritt wohl fort, und manche Gelehrten, namentlich die mit Besoldung C 4,
sind Meister im Fortschritt; viele sind weit fortgeschritten
schon, zum Beispiel nach Hamburg, Kiel oder München, ins Ausland
gar, uns allen zum Ruhme. Es lebe der Fortschritt im
Duisburger Geist! Auch ich schreite fort jetzt... Quelle: Heiter-Besinnliches anläßlich einer ungeraden
Erinnerung, hrsg. von Claus Bussmann, Duisburg 1989, S. 42-47.
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